Stillwater – Gegen jeden Verdacht (2024)

Inhalt / Kritik

Stillwater – Gegen jeden Verdacht (1)

Es ist kein schöner Anlass, der den Bohrarbeiter Bill Baker (Matt Damon) von Stillwater, Oklahoma ins südfranzösische Marseille führt. Seit fünf Jahren schon sitzt seine Tochter Allison (Abigail Breslin) dort im Gefängnis, weil sie ihre Mitbewohnerin ermordet haben soll. Zwar beteuert sie noch immer ihre Unschuld, doch für die Justiz ist der Fall abgeschlossen. Für Bill bedeutet dies jedoch nicht, dass er schon aufgeben soll. Und so setzt er alle Hebel in Bewegung, damit das Verfahren wieder aufgenommen wird. Zunächst auf sich alleine gestellt, findet er in Virginie (Camille Cottin) und deren Tochter Maya (Lilou Siauvaud) Halt und Unterstützung, zieht irgendwann sogar bei ihnen ein …

Ein unvergessener Mordfall

Beinahe 14 Jahre ist es mittlerweile her, dass der Fall um die US-amerikanische Austauschstudentin Amanda Knox, die ihre Mitbewohnerin ermordet haben soll, weltweit in den Nachrichten stand. Und auch jetzt, mehrere Jahre nach dem endgültigen Freispruch, regt das Thema zum Spekulieren an, was damals wirklich vorgefallen ist. Dessen war man sich sicher auch bei Stillwater – Gegen jeden Verdachtbewusst. Zwar wurde der Schauplatz von Italien nach Frankreich gelegt. Die Geschichte selbst ist sogar völlig erfunden, die Figuren sind neue, der Film behandelt ganz andere Themen. Doch die Assoziationen sind so offensichtlich, dass sich Knox genötigt fühlte, gegen das Werk zu wettern.

Dabei interessiert sich Regisseur und Co-Autor Tom McCarthy gar nicht so wirklich für den Fall an sich. Wer in Erinnerung an dessen gefeiertes Spotlightüber den Missbrauch in der Kirche ein ähnliches Enthüllungsdrama erwartet, der wird überrascht, vielleicht sogar enttäuscht. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil seines Filmes befasst sich mit der Frage, ob Allison die Tat begangen hat und was die Alternativen sind. Vielmehr wird das Szenario um ihre Inhaftierung zu einer Art Rahmenhandlung. Zu einem Anlass, um den Vater vorzustellen und dessen Geschichte zu erzählen. Das kann man dann etwas fragwürdig finden. Uninteressant ist das Ergebnis jedoch nicht.

Ein typischer (?) Amerikaner

Auffallend ist, wie ungnädig McCarthy mit seinen Landsleuten umgeht. Zumindest anfangs entspricht Bill dem gängigen Bild des etwas zurückgebliebenen US-Amerikaners, der Waffen zu Hause hat, aber keine Bücher liest, der ständig und bei jeder sich bietenden Gelegenheit betet, sich ansonsten aber völlig gottlos verhält. Er lügt, wird zuweilen brutal, hätte in einer der schockierendsten Szenen von Stillwater – Gegen jeden Verdachtauch kein Problem damit, einen anderen Unschuldigen in den Knast zu stecken, solange Allison freikommt. Gleichzeitig ist er hilfsbereit, kümmert sich von Anfang an um Maya. Und das obwohl er selbst als Familienvater gescheitert ist, seine eigene Tochter nicht viel von ihm hält.

Zumindest in gewisser Weise ist das Drama, welches bei den Filmfestspielen von Cannes 2021 Weltpremiere hatte, dann auch einer dieser Filme, die von dem allmählichen Überwinden von Gräben handeln. Durch den Umgang mit Virginie und Maya beginnt er sich zu öffnen, lernt ein paar Brocken Französisch, geht auf kulturelle und sportliche Veranstaltungen, die ihm fremd sind. Und doch ist Stillwater – Gegen jeden Verdachtkeine reine Wohlfühlveranstaltung, bei der sich am Ende alle die Hände fassen und die Welt zu einem besseren Ort geworden ist. Das Glück bleibt brüchig, die Abgründe verschwinden nicht, nur weil man woanders hinsieht. Bill bleibt trotz der Fortschritte ein ambivalenter Mensch, der auch dank der schauspielerischen Leistung von Matt Damon fasziniert. Der sonst eher auf bodenständiger Everbody’s Darling gebuchte Schauspieler zeigt hier mal eine andere Seite von sich.

Nachdenklich, aber nicht ganz durchdacht

Während da also schon einiges ist, weshalb sich Stillwater – Gegen jeden Verdacht lohnt, sind andere Punkte weniger geglückt. So nett es zum Beispiel ist, wenn Bill sich ein wenig vom Fleck löst, so bleibt er doch über weite Strecken ein mäßig interessantes Klischee. Der Film nimmt sich auch viel Zeit dafür, ewig auf der Stelle zu treten, während andere Ereignisse dann sehr abrupt folgen. Vor allem aber irritiert die Willkürlichkeit im Verhalten der Figuren. Vieles von dem, was da geschieht oder gesagt wird, lässt Glaubwürdigkeit vermissen. Gerade das Verhalten von Allison ergibt überhaupt keinen Sinn. Bei einem Drama, das so nachdenklich und nuanciert sein möchte, ist das schon recht störend. Insgesamt ist der Film zwar durchaus sehenswert, aber eben auch in mehrfacher Hinsicht frustrierend.

Credits

OT: „Stillwater“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie:Tom McCarthy
Drehbuch: Thomas Bidegain, Noé Debré, Marcus Hinchey, Tom McCarthy
Musik: Mychael Danna
Kamera: Masanobu Takayanagi
Besetzung: Matt Damon, Abigail Breslin, Camille Cottin, Lilou Siauvaud

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